Wissenschaftstheorie - einfach erklärt

Was ist eine Theorie? (Wissenschaftstheorie einfach erklärt)

Was ist eine Theorie? Wissenschaftstheorie einfach erklärt Popper shribe

„Was ist eine Theorie?“

Fragte mich mein Professor in meiner letzten mündlichen Prüfung an der Uni. Pah! Was für eine unverschämte Frage. Ich hatte die Fragen, die mit dem Skript der Veranstaltung in Verbindung standen scheinbar so gut beantwortet, dass er mich nun testen wollte.

Das ärgerliche war, ich konnte die Frage nicht wirklich gut beantworten. Wann wird man schon gefragt, was eine Theorie ist?

Damit dir das nicht passiert und du jederzeit eine Definition plus wissenschaftstheoretisches Hintergrundwissen parat hast, gehen wir heute genau dieser Frage nach:

Was ist eine Theorie?

Was ist eine Theorie?

Den Begriff „Theorie“ zu definieren ist nicht so leicht. Doch eine Sache steht fest: Wer sich wissenschaftstheoretisch mit Theorie beschäftigen möchte, kommt an einem Mann nicht vorbei: Karl Popper.

Popper definiert Theorie als „universelle Aussagen“, die zusammen ein „Netz“ ergeben, mit dem sich die Welt „einfangen“ lässt.

Im Original macht der Wortlaut etwas mehr Sinn: Theories are “universal statements“ used to cast a net to „catch“ the world. (Popper, 1959).

Eine Theorie sollte also den Anspruch haben, generelle Aussagen (universal statements) über Phänomene (the world) beizusteuern, damit die Welt besser erklärt oder verstanden werden kann. Spezifische Aussagen, die nur in einer bestimmten Situation Richtigkeit besitzen, sind also nicht als Theorie geeignet.

Eine Theorie betrachtet dabei oftmals nur einen Ausschnitt der Realität. Dieser wird oft als Modell repräsentiert.

Warum war Popper’s Arbeit so wichtig?

Bis Popper’s Buch „The Logic of Scientific Discovery“ das Licht der Welt erblickte, war nicht wirklich definiert, wann eine Methodologie als „wissenschaftlich“ galt und wann nicht. Man spricht hier auch vom „demarcation problem“, also der Trennlinie zwischen Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft.

Popper kritisierte seinerzeit insbesondere den rückwärtsgewandten Charakter vieler Studien. Popper’s Zeitgenosse Sigmund Freud beispielsweise blickte sozusagen in die Vergangenheit um die Gegenwart zu erklären. Was Popper missfiel, war der Fakt dass Freud ja immer gezielt nach Beweisen suchen konnte, die seine Theorie bestätigten anstatt nach Hinweisen, die seine Theorie widerlegen.

Albert Einstein hingegen versuchte mithilfe von Theorie Vorhersagen über die Zukunft zu treffen, was Popper deutlich mehr zusagte.

Theorie nach Einstein’s Weg ist dabei jedoch deutlich fragiler, denn es reicht nur ein Ereignis in der Zukunft aus, um die gesamte Theorie zum Einsturz zu bringen.

Doch Popper war überzeugt. Er war der Meinung, dass Theorie falsifizierbar sein muss.

Die alte Sichtweise war so: Finde ich eine Handvoll weiße Schwäne, kann ich die Theorie aufstellen, dass alle Schwäne weiß sind.

Popper’s Sichtweise hingegen so: Finde ich einen einzigen schwarzen Schwan, kann ich die Theorie widerlegen.

Statt nach Beweisen zu suchen, sollten wir also lieber nach Gegenbeweisen suchen!

Was ist eine Theorie? Wissenschaftstheorie einfach erklärt Popper Einstein

Die wichtigsten Bestandteile einer Theorie

Den Ursprung einer theoretischen Überlegung bilden die realweltlichen Phänomene, die wir beobachten können. Zumindest immer dann, wenn wir Wissenschaft nach dem Vorbild des Empirismus betreiben, der voraussetzt, dass Wissen durch menschliche Erfahrung generiert wird.

Durch einen Schritt der Interpretation und Abstraktion können wir die Phänomene in Konzepte überführen. Auf praktischer Ebene tun wir das bei der qualitativen Auswertung von Interviewdaten, um nur ein Beispiel zu nennen.

Auf diesem Level können wir zusätzlich Vermutungen anstellen, wie diese Konzepte kausal zueinander in Beziehung stehen. Dies ist ein sehr wichtiger Bestandteil einer jeden Theorie: In welcher Beziehung zueinander stehen die einzelnen Bestandteile?

Sind Konzepte und deren Beziehungen festgehalten, können wir im Prinzip von einer Theorie sprechen.

Jetzt geht es darum, diese immer wieder zu testen, sie zu erweitern oder eben zu falsifzieren.

Um dies zu tun, werden aus Konzepten Konstrukte, die sich aus einzelnen Variablen zusammensetzen. Dieser Schritt ist wichtig, damit überhaupt festgelegt ist, was in einer Studie beobachtet und dann schließlich gemessen werden kann. Die Messbarkeit wird dadurch erreicht, dass Variablen operationalisiert werden.

Die theoretische Beziehung zwischen den Variablen wird in Hypothesen ausgedrückt, die durch statistische Berechnungen überprüft werden können. Hier befinden wir uns im Spezialgebiet quantitativer Forschung, so wie du es kennst – so könnte zum Beispiel ein Experiment durchgeführt werden, um hier Rückschlüsse auf die Theorie zu ziehen.

Die vier Fragen?

Um die Bestandteile einer Theorie etwas zu ordnen, kannst du wie Whetten (1989) auch danach Fragen:

What?

Welche Faktoren, seien es Konzepte, Konstrukte oder Variablen, sollen überhaupt berücksichtigt werden? Hier greift das Parsimonitätsprinzip oder auch Ockham’s Rasiermesser, und zwar: Die Theorie, die mit den wenigsten Bestandteilen auskommt um das Phänomen zu erklären, ist meist die beste.

How?

Wie sind die Faktoren miteinander verbunden? Ganz plakativ kannst du dir das mit den Kästchen und Pfeilen vorstellen, die meist als grafisches Element verwendet werden, um eine Theorie in 2D zu veranschaulichen.

Why?

Was sind die Dynamiken, welche die Theorie versucht abzubilden? Woraus ergeben sich die kausalen Zusammenhänge, welche die Theorie vermutet?

Who, Where, When?

Was sind die Limitationen der Theorie und wen oder was kann sie gegebenenfalls nicht abbilden?

Lust auf einen kleinen Noten-Boost?

Hol‘ dir jetzt die Komplettlösung zum Verfassen einer herausragenden Hausarbeit:wissenschaftliches arbeiten

Hier mehr erfahren!

Kritik am vorherrschenden Theorieverständnis

Dieses Verständnis von „Was ist eine Theorie?“ ist jedoch nicht das einzige. Obwohl Karl Popper sich selbst nicht als Positivist bezeichnete, entspricht das eben erklärte Bild von Theorie positivistischen Annahmen. Diese setzen voraus, dass wir Menschen die Welt wie sie ist mit unseren Sinnen wahrnehmen können und so wiederum Aussagen über die objektive Welt machen können.

In den Naturwissenschaften werden diese Annahmen gar nicht so sehr in Frage gestellt, weil überspitzt gesagt, die Wahrscheinlichkeit dass wir in einer Matrix leben und die Naturgesetzte gar nicht die objektive Welt widerspiegeln, eher gering ist.

Doch in den Sozialwissensschaften wurde dieser wissenschaftstheoretische Standpunkt oft und viel kritisiert. Der Grund dafür ist, dass der Forschungsgegenstand hier ein anderer ist, also zum Beispiel menschliches Verhalten. Im Laufe der Zeit wurden der Soziologie, der Psychologie, aber heute auch den Kommunikations- oder Medienwissenschaften immer mehr naturwissenschaftliche Prinzipien übergestülpt.

Ein Beispiel für den dadurch entstehenden Konflikt war der sogenannte Positivismusstreit, in dessen Verlauf insbesondere die Frankfurter Schule um Theodor Adorno eine Gegenposition mit ihrer „Kritischen Theorie“ einnahm. Hier muss eben auch der subjektive Charakter des Erkenntnisgewinns berücksichtigt werden.

Was ist eine Theorie? Wissenschaftstheorie einfach erklärt Popper Beispiel

Warum brauchen wir Theorien?

Ok, die Frage: „Was ist eine Theorie?“ haben wir nun geklärt (hoffentlich).

Zum Abschluss noch ein paar Gedanken dazu, warum Theorie überhaupt wichtig ist. Schließlich könnten wir ja auch einfach die Welt beobachten und unsere Erkenntnisse ohne sie zu abstrahieren aufschreiben.

#1 Theorien helfen uns die Welt besser zu verstehen

Ich stelle mir Theorien immer als Brillen vor. Ich kann verschiedene davon aufsetzen und so auf die Welt schauen. Durch die eine Brille sehe ich besonders gut diese und jene Aspekte der Welt. Durch eine andere wiederum bekomme ich eine ganz neue Perspektive.

#2 Theorien sammeln unser Wissen

Hier stelle ich mir Theorien vor wie Wikipedia. Jemand darf einen Artikel schreiben, welcher von den anderen kontrolliert, weiterentwickelt oder auch kritisiert wird. Wichtig ist aber immer, dass jede wissenschaftliche Arbeit irgendwie versucht einen Beitrag zu leisten, mal kleiner, mal größer.

#3 Theorien helfen der Praxis

Durch Theorien können wir Probleme aufdecken und Handlungen ableiten, um die Welt zum Positiven zu verändern. Und das ist doch eine wunderbare Vorstellung.


Wenn du jetzt auf dem Weg zu mehr Erfolg im Studium noch ein wenig Starthilfe für deine wissenschaftliche Arbeit benötigst, dann habe noch ein PDF für dich, das du dir gratis herunterladen kannst:

Die 30 besten Formulierungen für eine aufsehenerregende Einleitung



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.