Wissenschaftliche Methoden

Fokusgruppendiskussion als qualitative Forschungsmethode (Tutorial)

Du möchtest eine Fokusgruppendiskussion als qualitative Forschungsmethode einsetzen?

Dann solltest du dir jetzt 10 Minuten Zeit nehmen.

Denn in diesem Artikel machen wir den Rundumschlag. Zuerst gebe dir eine Einführung in die Methode der Fokusgruppendiskussion und in welchen Fällen ihre Anwendung am meisten Sinn ergibt.

Danach durchlaufen wir die Umsetzung der Methode in 7 Schritten. So bist du perfekt für deine eigene erste Fokusgruppendiskussion vorbereitet und weißt wie du sie auswerten kannst.

Was sind Fokusgruppen in der qualitativen Forschung?

Die Methode der Fokusgruppendiskussion wurde zuerst in der Marktforschung, dann aber auch in der Soziologie eingesetzt. Heutzutage ist sie eine akzeptierte qualitative Forschungsmethode, die für vielseitige Zwecke einsetzbar ist.

Bei einer Fokusgruppendiskussion versammelst du in deiner Rolle als Forscherin eine Handvoll Experten, die sich mit dir in einer moderierenden Rolle über deinen Untersuchungsgegenstand unterhalten.

Das besondere an diesem Setting ist, dass du in kürzester Zeit eine Vielzahl an zwischenmenschlicher Interaktionen provozieren kannst. Diese geben dir Zugang zu detaillierteren Hintergrundinformationen, als würden die Personen deine Frage im 1:1 Gespräch beantworten (Krueger, 1994).

Die Methode muss dabei nicht auf eine einzige Fokusgruppe beschränkt sein. Du kannst auch mehrere Gruppen mit unterschiedlichen Personen bilden oder die gleiche Gruppe zu verschiedenen Zeitpunkten interviewen.

Anders als z.B. bei einer Beobachtung, findet die Fokusgruppendiskussion in einem geschützten Raum statt, den du bereitstellst. Der Charakter einer solchen Diskussion ist eher kollaborativer Natur, der neue Ideen, Meinungen und Reaktionen hervorbringt. Es geht also nicht darum, eine hitzige Debatte zu entfachen.

Wann sind Fokusgruppen in der qualitativen Forschung besonders sinnvoll?

Die Fokusgruppendiskussion hat mehrere Anwendungsmöglichhkeiten.

#1 Theoriebildung zu einem neuen Thema oder Phänomen

Sie eignet sich besonders gut für Forschungsarbeiten, in denen du ein relativ neues Thema in einer explorativen Herangehensweise untersuchen möchtest. Das bedeutet, dass du dich wenig bis gar nicht von vorhandenem Wissen oder Theorie leiten lässt, sondern die Fokusgruppendiskussion dazu nutzt, neue Theorie zu entwickeln.

Bedenke, dass wir bei wissenschaftlichen Methoden oft zwischen Erhebungs- und Auswertungsmethode unterscheiden. Die Fokusgruppendiskussion ist eine klassische Erhebungsmethode mit der du eigene Daten sammeln kannst.

#2 Dein Forschungsgegenstand hat mit Gruppen oder Teams zu tun

Nehmen wir mal an, du möchtest herausfinden, wie eine bestimmte neue Software die Arbeitsdynamiken in Teams beeinflußt. Anstatt alle Teammitglieder einzeln zu befragen, kannst du sie lieber als Gruppe interviewen und sie live die Software oder eine Abwandlung davon ausprobieren lassen.

#3 Du möchtest ein etwas evaluieren

Der dritte Anwendungsfall für eine Fokusgruppendiskussion ist ein Evaluationsszenario. Grob gesagt heißt das: Du möchtest herausfinden, wie gut dein Artefakt gelungen ist und ob es seinen Zweck erfüllt.

Artefakt!? Was redet der da…

Ein Artefakt kann alles mögliche sein: Ein Prototyp eines Roboters, eine Lern-App, ein Ernährungs-Leitfaden oder ein theoretisches Framework. Vielleicht möchtest du auch nur eine Definition evaluieren, die du selbst aufgestellt hast. In all diesen Fällen kannst du eine Fokusgruppendiskussion zu Rate ziehen.

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Fokusgruppendiskussion durchführen in 7 Schritten

#1 Geeignete Personen auswählen

Die optimale Größe für deine Fokusgruppe liegt zwischen 6 und 8 Personen. Die Zusammensetzung der Gruppe folgt dem Prinzip “small enough for everyone to have an opportunity to share insights and yet large enough to provide diversity of perceptions” (Krueger & Casey, 2000, p. 10)

Je kleiner die Gruppe, umso größer muss die Expertise der einzelnen Personen sein, da diese insgesamt mehr beitragen müssen.

Wenn die Gruppe kleiner ist, entsteht jedoch die Limitation, dass sie nicht so divers ist und weniger Perspektiven vertreten sind. Solche Punkte solltest du dir für dein Diskussionskapitel schon bei der Planung aufschreiben und später in deiner Arbeit aufgreifen.

Für die Auswahl der Einzelpersonen gilt, dass sie möglichst viel Expertise mit in die Gruppe bringen können. Es geht hier also nicht darum eine möglichst zufällige und durchmischte Stichprobe zu erreichen, sondern die bestmöglichen KandidatInnen für die Diskussion zu gewinnen.

In Kombination sollten die Einzelpersonen dann ein möglichst breites Spektrum an Perspektiven abbilden, die sie einbringen können. Man spricht hier auch von „purposeful sampling“.

#2 Das Setting schaffen

Das Setting einer Fokusgruppendiskussion ist nicht zu verachten, da dieses den Inhalt der Unterhaltung beeinflussen kann. In älteren Methodenbüchern kann man viel darüber lesen, welche Räume besonders geeignet sind oder wie die Stühle am besten angeordnet werden sollten.

In der heutigen Zeit würde ich das ein wenig relativieren. Mit Zoom und Co. sind technische Hilfsmittel hinzugekommen, die das Setting von Grund auf verändern. Wenn du deine Fokusgruppendiskussion virtuell veranstaltest, gehen dir eventuell einige Gruppendynamiken verloren.

Auf der anderen Seite hast du nun die Möglichkeit, deine Gruppe aus ExpertInnen ohne räumliche Restriktion zusammenzustellen. Das kann die Qualität deiner Gruppe natürlich ungemein erhöhen.

Ob du dich für ein physisches oder virtuelles Setting entscheidest hängt auch davon ab, worauf du aus bist und wie wichtig die eben genannten Vor- und Nachteile für dein Forschungssdesign sind. Virtuelle Settings sind mittlerweile genauso etabliert und nicht von minderwertiger Qualität oder so.

#3 Die Moderation vorbereiten

Wie bei qualitativen Interviews kannst du auch für eine Fokusgruppendiskussion einen Leitfaden erstellen. Du übernimmst die Rolle des Moderators oder der Moderatorin und leitest den Verlauf der Diskussion.

Hennink (2014) schlägt dafür das Bild einer Sanduhr vor.

Zuerst beginnst du mit einer Einführung in das Thema und etablierst den Kontext für die folgende Diskussion. Außerdem bedankst du dich, fragst nach der Zustimmung die Diskussion aufnehmen zu dürfen und ob irgendjemand noch Fragen vor dem Start hat.

Dann moderierst du eine kurze Vorstellungsrunde an und fragst welche Berührungspunkte jeder schon mit dem Thema hatte.

Nun startet der Mittelteil der Fokusgruppendiskussion, in dem du auf der Jagd nach spannenden Daten bist. Bereite hierfür spezifische Fragen vor und/oder stelle der Gruppe eine Aufgabe, die sie gemeinsam bearbeiten und diskutieren sollen.

Gegen Ende stellst du noch weitere ausleitende Fragen, entweder als Reflexion des Mittelteils oder über Aspekte, die bisher nicht angesprochen wurden.

#4 Materialien bereitstellen (optional)

Arbeitest du in einem Team, dann ist jetzt der Zeitpunkt, dieses zu briefen. Manchmal kann es Sinn machen zu zweit eine Diskussion zu leiten. Eine Person moderiert, die andere unterstützt und macht Notizen. Oder du hast so viele Gruppen, dass du zusätzlich ModeratorInnen einsetzt. Diese müssen dann gebrieft und mit dem Diskussionsleitfaden vertraut gemacht werden.

Der zweite Punkt betrifft das Bereitstellen von Materialien. Stellst du eine interaktive Aufgabe, dann sind vielleicht Plakate und Stifte notwendig oder Post-It-Zettelchen.

In einem virtuellen Umfeld kann das Äquivalent ein Online-Whiteboard wie Google’s Jamboard sein.

#5 Durchführung und Aufnahme

Am großen Tag der Gruppendiskussion legst du dir am besten zwei Aufnahmemöglichkeiten zurecht. Nur falls eine ausfällt. Ich nehme immer parallel mit meinem Handy und meinem Laptop die Tonspur auf. Eine Videoaufnahme wäre natürlich auch nicht schlecht.

Mache dich mit den datenschutzrechtlichen Bedingungen einer solchen Aufnahme vertraut und speichere und lösche die Daten so, dass du kein Problem mit der Ethik-Kommission deiner Uni bekommst.

Während der Fokusgruppendiskussion sollten Notizen gemacht werden, da diese als ergänzendes Datenmaterial bei der Auswertung helfen.

#6 Transkription

Die zentrale Datenquelle für deine Auswertung bildet jedoch das Transkript der Diskussion. Hierfür tippst du das Gesprochene im Wortlaut ob oder findest ein smartes Tool, welches dir ein wenig Arbeit abnimmt.

Das Transkript, deine Notizen und eventuelle Plakate oder sonstige kreative Erzeugnisse der Gruppe bilden nun deine Datenbasis.

#7 Auswertung

Für die Auswertung dieser Daten verlassen wir nun langsam das Feld der Fokusgruppendiskussion. Die Auswertungsmethode kann variieren, je nach dem in welchem größeren Forschungsdesign deine Diskussion eingebettet ist.

Häufig verwendete Methoden sind die des Grounded Theory Ansatzes, Inhaltsanalysen oder eine Kombination einzelner Codiertechniken. Das wäre der perfekte Zeitpunkt für den nächsten Artikel zur Auswertungsmethode deiner Wahl…


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