Wissenschaftliche Methoden

Deduktiv Induktiv Kombination Qualitative Inhaltsanalyse (Mayring & Co.)

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Du möchtest eine deduktiv induktiv Kombination für deine Qualitative Inhaltsanalyse anwenden? Geht das überhaupt und was gilt es dabei zu beachten?

Wenn du gespannt auf die Antwort bist, dann ist dieses Video genau das richtige für dich.

Denn in den nächsten paar Minuten zeige ich dir, wie du deduktive und induktive Kodierungen miteinander kombinieren kannst, was die Autoren Mayring, Kuckartz und Co. davon halten und wie du mit diesem Wissen die Auswertungsmethode für deine qualitative Studie perfektionierst.

Induktive und deduktive Kategorienbildung für eine Qualitative Inhaltsanalyse

Wenn du meine Videos zur Qualitativen Inhaltsanalyse schon kennst, dann weißt du, dass bei dieser Methode zur Auswertung qualitativer Daten zwischen zwei Arten der Kategorienbildung unterschieden wird.

#1 Die induktive Kategorienbildung

Hierbei schleißt du von einzelnen Textpassagen auf eine abstrakte Kategorie. Man sagt auch so schön: Die Kategorien entstehen „am Material“. Mayring bezeichnet dieses Vorgehen als „zusammenfassende Inhaltsanalyse“ (Mayring, 2010).

#2 Die deduktive Kategorienanwendung

Bei diesem Verfahren bildest du ein Kategoriensystem, welches du aus einer Theorie oder sonstiger Literatur ableitest. Erst dann näherst du dich dem Material und sortierst es, systematischen Kodierregeln folgend, in dieses System ein. Mayring spricht hier auch von der „strukturierenden Inhaltsanalyse“ (Mayring, 2010).

Wie sieht es aber nun mit einer deduktiv induktiv Kombination aus?

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Deduktiv Induktiv Kombination für eine Qualitative Inhaltsanalyse

Da es gar nicht so leicht ist, per rein induktivem Verfahren neue Kategorien und deren Beziehungen zueinander zu bilden, ist eine deduktiv induktiv Kombination oftmals eine gute Möglichkeit, um das Beste aus beiden Welten zu erhalten.

Hintergründe

Aber warum ist das sinnvoll?

Erstens, weil eine reine Deduktion einen großen Nachteil hat. Der theoretische Rahmen ist praktisch vorgegeben. Die Deduktion erlaubt es nicht aus diesem auszubrechen. Das bedeutet, dass überraschende Erkenntnisse, die vielleicht nicht dem Vorwissen entsprechen, grundsätzlich ausgeschlossen sind. Dabei sind es doch gerade diese Erkenntnisse, die eine Untersuchung interessant machen und einen potenziell größeren theoretischen Mehrwert liefern.

Zweitens, weil eine reine Induktion einen großen Nachteil hat. Genau! Eine reine Induktion ist für die meisten Forschungsfragen ebenfalls nicht der Weisheit letzter Schluss. Grund ist das Induktionsproblem, welches schon David Hume und Karl Popper auf die Palme brachte. Von einem Einzelfall auf eine allgemein gültige Regel zu schließen ist aus ihrer Sicht höchst problematisch. Im Falle der qualitativen Inhaltsanalyse läge das Problem hauptsächlich darin, dass eine andere Forscherin die induktiven Kategorien vielleicht ganz anders gebildet hätte. Aus einer subjektiven Perspektive lässt sich eben schlecht auf die objektive Welt schließen.

Und so stand nun eben eine Kombination der beiden Logiken für die Qualitative Inhaltsanalyse im Raum.

Vorgehen

Dabei wird in der Regel eine Struktur basierend auf theoretischem Vorwissen vorgeben, um den Forschungsprozess zu leiten und den Forschenden im Zaum zu halten. Das Material wird dann codiert und dieser Struktur (z.B. Oberkategorien) zugewiesen. Überraschende oder nicht passende Ergebnisse können das Kategoriensystem dann verfeinern, indem Unterkategorien gebildet werden. Alternativ oder zusätzlich kann die Induktion das System aber auch auf dem Level der Oberkategorien erweitern. So lässt sich ein theoretischer Mehrwert erzeugen, der dem Wissensstand etwas Neues hinzufügt (Ruin, 2017).

Beispiel

Damit du dir das Vorgehen bei einer deduktiv induktiv Kombination in einer Qualitativen Inhaltsanalyse besser vorstellen kannst, nehmen wir uns ein kurzes Beispiel vor.

Theorie

Nehmen wir an, in deiner Studie geht es um die Identity Theory. Diese besagt grob, dass Individuen wie du und ich bestimmte Charakteristiken, Werte und Normen annehmen, um uns gegenüber anderen als einzigartig zu betrachten. Nach Burke and Stets (1999) kommen beim Prozess der Identitätsbildung drei theoretische Dimensionen zum tragen: Investment, Self-esteem, und Rewards.

Diese drei theoretischen Dimensionen könnten einer Qualitative Inhaltsanalyse als Struktur dienen. Nach deduktiver Logik würden also drei Überkategorien entstehen:

#1 Oberkategorie: Investment 

#2 Oberkategorie: Self-esteem

#3 Oberkategorie: Reward

Dein Material wie z.b. Interview-Passagen könntest du nun entweder nach Mayring’s oder Kuckartz‘ Vorgehen nach diesen drei Oberkategorien strukturieren.

In einem weiteren Schritt fasst du nun die Passagen weiter zusammen und abstrahierst sie soweit, dass sie selbst Kategorien ergeben.

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Material

Stell dir vor, du hast folgenden O-Ton:

„Früher dachte ich, dass ich meine Arbeit komplett aufgeben müsste, um Mutter zu sein. Jetzt bin ich zuversichtlicher, dass ich beides machen kann, wenn ich will, oder wenn ich Teilzeit arbeiten will oder wenn ich flexibel arbeiten will und meine Kinder in Betreuung geben kann, ohne dass das meine Karriere beeinträchtigt.“ 

Dieser O-Ton ist im ersten Schritt unter Self-esteem gefallen, da es hier um das eigene Selbstbild und die Zuversicht geht, Hindernisse zu überwinden.

Für den O-Ton könnte die Abstraktion „Selbsteinschätzung eigener Kompetenzen“ (oder Englisch: „self-evaluation of own competencies“ gebildet werden. Diese neue Unterkategorie platzieren wir dementsprechend unter der Oberkategorie „Self-esteem“.

Vielleicht finden sich weitere O-Töne, die in diese Kategorie fallen. Vielleicht aber auch Zitate, welche eine völlig neue Oberkategorie bilden – was bei einer solch etablierten und oft getesteten Theorie aber eher unwahrscheinlich ist.

So arbeitest du dich induktiv durch dein Material, bis dein Kategoriensystem aus Ober- und Unterkategorien ein vollständiges Bild ergibt.

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Was sagen Mayring, Kuckartz und Co. zur deduktiv induktiv Kombination?

Die üblich verdächtigen AutorInnen, die mit der Qualitativen Inhaltsanalyse in Verbindung gebracht werden, befürworten dieses Verfahren. Mayring (2010) schlägt in seinem Buch vor, jenes Material induktiv zu kodieren, welches nicht in die Ordnungsstruktur passt. Also sozusagen, alles was sich nicht zuordnen lässt und übriggeblieben ist.

Kuckartz (2014) geht noch einen Schritt weiter. Er sieht das Verfahren, welches er als deduktiv-induktive Kategorienbildung bezeichnet, sogar als charakteristisch für die Qualitative Inhaltsanalyse. Er lässt hingegen offen, in welchem Verhältnis nun jeweils deduktiv oder induktiv vorgegangen werden sollen.

Hier hast du, wie ich immer wieder betonen möchte, die Freiheit dein eigenes Vorgehen nach deinen Bedürfnissen anzupassen, solange du systematisch agierst und deine Entscheidungen theoretisch oder pragmatisch begründen kannst.

Ist deduktiv-induktiv das gleiche wie abduktiv?

Vielleicht hast du schon mal von der dritten Art des Schlussfolgerns gehört: Der Abduktion. Diese kann zum Tragen kommen, wenn du ein besonders überraschendes Ergebnis vorliegen hast und versuchst dieses zu erklären. Dann kannst du auf eine Regel bzw. Kategorie schließen, welche dieses Ergebnis am besten erklärt. Dabei lehnst du dich allerdings sehr weit aus dem Fenster, da du nicht überprüfen kannst, ob diese Regel stimmt.

Ein typisches Beispiel für Abduktion ist der Detektiv Sherlock Holmes. Er sucht am Tatort nach Hinweisen und schließt dann abduktiv, wie sich die Ereignisse zugetragen haben könnten. Diese Schlüsse sind oftmals total waghalsig, aber bringen in Stück für Stück näher an die Wahrheit.

Bei der qualitativen Inhaltsanalyse abduktiv vorzugehen ist jedoch nicht wirklich planbar. Du kannst ja nicht wissen, ob du überraschende Ergebnisse vorfindest, bei denen dir ein abduktiver Schluss helfen könnte. Hier können wir also nur die Abduktion als grundsätzliche Einstellung gegenüber überraschenden Ergebnisse annehmen.

Das deduktiv-induktive Verfahren jedoch lässt sich systematisch planen und umsetzen.


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