Wissenschaftlich Schreiben

Deduktive Kategorienanwendung nach Mayring (z.B. Experteninterviews)

Deduktive Kategorienanwendung Mayring Qualitative Inhaltsanalyse Beispiel Interviews shribe

Du möchtest eine Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring durchführen und dabei deine Daten, zum Beispiel aus Interviews, deduktiv einem Kategoriensystem zuordnen (deduktive Kategorienanwendung)?

Dann bist du hier goldrichtig.

Denn in diesem Artikel erkläre ich dir im Detail und dennoch schnell verständlich, wie du deine qualitativen Daten einem deduktiven Analyseverfahren unterziehst, damit du sie zielgerichtet und effektiv auswertest und endlich Klarheit über den Methoden- und Ergebnisteil deiner wissenschaftlichen Arbeit erlangst. Nach diesem Artikel wird der methodologische Kauderwelsch endlich einen Sinn ergeben und du weißt welche Schritte konkret durchzuführen sind.

3 Arten der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring

Der Klarheit halber werde ich mich in diesem Artikel erneut auf das Vorgehen beziehen, welches Mayring in seinem Standardwerk beschreibt. Selbstverständlich kannst du auch anderen Autoren folgen, wie z.B. Kuckartz (2018), jedoch ist es von besonderer Wichtigkeit, dass du dich für deine wissenschaftliche Arbeit auf ein Vorgehen festlegst, dieses zitierst und dich stringent daran hältst.

Bisher hast du auf meinem Blog bereits eine allgemeine Einführung in die Methode der qualitativen Inhaltsanalyse bekommen, sowie einen Einblick in die induktive Kategorienbildung als eine Variante dieser Methode. Beide Tutorials findest du auch in der Videobeschreibung verlinkt.

Die deduktive Kategorienanwendung ist eine weitere Variante, die du innerhalb der qualitativen Inhaltsanalyse wählen kannst. Besonders gut eignet sie sich für die Auswertung von Daten, die du durch Interviews gesammelt hast. Allgemein unterscheidet Mayring zwischen 3 sogenannten „Grundformen des Interpretierens“ innerhalb der Inhaltsanalyse:

  • Zusammenfassung (worunter die induktive Kategorienbildung fällt)
  • Explikation (oder auch Kontextanalyse)
  • Strukturierung (oder auch deduktive Kategorienanwendung)

In diesem Tutorial geht es also ausschließlich um die dritte Variante, die Strukturierung. Auch hier existieren laut Mayring weitere Unterformen (insgesamt 4), die je nach Forschungsziel und Forschungsfragen unterschiedlich viel Sinn ergeben. Die wohl prominenteste dieser deduktiven Vorgehensarten ist die inhaltliche Strukturierung, welche sich fast immer dazu eignet, um Interviewdaten zu analysieren und damit eine theoriegeleitete, offene Forschungsfrage zu beantworten.

Deduktive Kategorienanwendung Mayring Qualitative Inhaltsanalyse Beispiel Interviews studium

Deduktive Kategorienanwendung innerhalb der qualitativen Inhaltsanalyse

Beachte, dass Mayring hier gezielt von deduktiver Kategorienanwendung spricht, im Gegensatz zur induktiven Kategorienbildung.

Dieser sprachliche Unterschied gibt dir schon den ersten Hinweis auf die Eigenheiten der jeweiligen Vorgehensweisen. Während du bei der induktiven Kategorienbildung ein Kategoriensystem aus den Daten heraus entwickelst, legst du bei der deduktiven Kategorienanwendung deinen Daten ein solches Kategoriensystem zu Grunde und strukturierst die Inhalte dementsprechend.

Du sortierst sie praktisch in das vorgegebene Ordnungsschema ein.

Aber wie gelangst du zu diesem Kategoriensystem? 

Ganz einfach: Mithilfe der Theorie.

Das bedeutet, dass du vor deiner Datenanalyse tief in die Literatur einsteigen musst, um ein solches Kategoriensystem aus der Theorie abzuleiten.

Deduktive Kategorienanwendung Mayring Qualitative Inhaltsanalyse Beispiel Interviews methode

Hier gibt es zwei Möglichkeiten.

#1 Kategorien aus dem aktuellen Forschungsstand ableiten

Angenommen deine Forschungsfrage zielt NICHT auf eine spezifische Theorie ab, z.B. „Wie werden Remote Work Arbeitsmodelle im Produzierenden Gewerbe realisiert?“

Hier kannst du verschiedene Quellen aus der aktuellen (!) Forschungsliteratur zu Rate ziehen und diverse Kategorien herausarbeiten. Hierzu arbeitest du am besten mit einer Tabelle, in der du links die Kategorien und mögliche Unterkategorien bildest und rechts aufschreibst, aus welcher Quelle, oder besser noch, welchen Quellen, du diese ableitest.

Beispiele für Kategorien in Bezug auf die genannte Forschungsfrage sind: „Technologische Infrastruktur“, „Unternehmenskultur“, „Arbeitszeitmodelle“ und so weiter.

Wichtig ist, dass diese Kategorien sich eindeutig aus der Literatursichtung ergeben. Du brauchst auch keine Angst haben, dass du etwas übersiehst – du hast immer die Möglichkeit, dein Kategoriensystem zu erweitern oder anzupassen, solltest du nach einem ersten Analyse-Durchgang merken, dass bestimmte Inhalte nicht abgedeckt sind.

#2 Theoretische Dimensionen operationalisieren

Für eine Forschungsfrage, die eine spezifische Theorie einbezieht, solltest du dein Kategoriensystem auf Basis ebendieser Theorie entwickeln. Sagen wir mal, die Forschungsfrage lautet: „Welchen Einfluss haben Remote Work Arbeitsmodelle auf die Identität der Organisation?“, dann spielt diese Frage auf die „Organizational Identity Theory“ (Whetten, 2006) ab.

Theorien in der Sozialwissenschaft basieren meist auf den Arbeiten einzelner AutorInnen, die ein bestimmtes Modell oder die Bestandteile einer Theorie definiert haben. Das können z.B. Dimensionen, Variablen, oder wenn die Theorie bereits quantitativ getestet wurde, Konstrukte sein.

Hauptkategorien

Lege dich auf die Arbeit einer Autorin oder eines Autorenteams fest und lies das entsprechende Buch oder Paper ganz genau durch. In unserem Beispiel wäre dies das Whetten-Paper von 2006. Hier benennt der Autor drei Dimensionen, welche die Identität einer Organisation darstellen, nämlich die ideational, definitional, und die phenomenological Dimension. Diese Dimensionen würden sich hier prima als Hauptkategorien eignen.

Unterkategorien

In der Originalquelle finden sich dann weitere Hinweise, wie diese Dimensionen definiert sind. Das kannst du nutzen, um weitere Unterkategorien zu bilden. Hier kann es natürlich helfen weitere Literatur zu lesen, die auf dieser Theorie aufbaut oder sie erklärt. Oft sind die Primärquellen ganz schön schwere Kost.

So lässt sich jedoch jede Theorie in ihre Einzelteile zerlegen, die du dann logisch zu einem Kategoriensystem zusammenfügst.

Lust auf einen kleinen Noten-Boost?

Hol‘ dir jetzt die Komplettlösung zum Verfassen einer herausragenden Hausarbeit:wissenschaftliches arbeiten

Hier mehr erfahren!

Der Analyse-Prozess der deduktiven Kategorienanwendung

Nach Mayring sind für deine deduktive Kategorienanwendung 3 Dinge von besonderer Bedeutung:

#1 Die Definition der Kategorien

Diesen Schritt deckst du mit der bereits erwähnten Tabelle ab. Hier kannst du noch eine weitere Spalte hinzufügen, in der du genau definierst, wann ein Textbaustein einer bestimmten Kategorie angehört oder nicht.

#2 Ankerbeispiele

Für jede Kategorie solltest du im Ergebnisteil deiner Arbeit mindestens ein Ankerbeispiel nennen. Dieses steht stellvertretend für die jeweilige Kategorie. Ein Ankerbeispiel ist nichts anderes als ein direktes Zitat oder O-Ton aus deinen Interviews. Analysierst du Social-Media Inhalte wären es die Tweets im Wortlaut usw…

Hier solltest du immer angeben, woher der Textbaustein stammt. Im Falle von Experten-Interviews vergibst du in deinem Methodenteil eindeutige Interviewee-IDs, mit denen der Lesende die Textstellen den einzelnen ExpertInnen zuordnen kann.

Es ist besonders wichtig, dass du das Textbeispiel übernimmst. Zwar solltest du im Analyseprozess die Textbausteine paraphrasieren, damit du sie gezielt deinen Kategorien zuordnen kannst – doch sogenannte „raw data“ ist wichtig um den Gutachtenden zu zeigen, wie die Daten und die Kategorien zusammenhängen.

#3 Kodierregeln

Die Empfehlung von Mayring ist es, Regeln aufzustellen, die darüber entscheiden wenn ein Textbaustein nicht eindeutig zuzuordnen ist. So kannst du gewährleisten, dass du alle Textbausteine nach dem gleichen Schema zugeordnet hast.

Deduktive Kategorienanwendung Mayring Qualitative Inhaltsanalyse Beispiel Interviews kuckartz

Die Aufbereitung der Ergebnisse

Diese ganze deduktive Kategorienanwendung nun in einen strukturierten und leserfreundlichen Ergebnisteil zu überführen ist die nächste Herausforderung. Hier wäre meine Empfehlung, einen ausgewogenen Mittelweg aus deskriptivem Berichten der Ergebnisse (z.B. durch Ankerbeispiele und Paraphrasen) und analytischer Interpretation (durch logisches Schlussfolgern) zu finden.

Beginne am besten mit der Struktur, indem du dein Kategoriensystem in Unterüberschriften verwandelst. Füge dann die Ankerbeispiele ein und erkläre sie beschreibend. Erweitere dann diese Erklärungen und Beispiele mit weiteren deiner Meinung nach wichtigen Paraphrasen und versuche zu erklären, was jede Kategorie im Kern aussagt. Belege diese immer wieder mit Paraphrasen oder Zitaten aus deinen Daten.

Verbinde dann die einzelnen Unterkapitel mit geeigneten Überleitungen.

Und dann? 

Wie gehst du nun mit den Ergebnissen um? Um nun den Kreis zur Theorie zu schließen, musst du deine Ergebnisse vor dem Hintergrund der Theorie diskutieren, mit der du als Ausgangspunkt gestartet bist. Eine sagenhafte Diskussion zu schreiben ist eine Kunst, die den Rahmen dieses Tutorials sprengen würde – schaue gern mal bei meinem Tutorial zum Schreiben einer Diskussion vorbei.

Wenn du aber konkrete Fragen zur Inhaltsanalyse hast, dann schreib mir diese Fragen gerne unter dieses Video. Wenn du möchtest, dass ich in ein spezielles Thema noch tiefer in Form eines separaten Videos einsteige, dann schreib mir das ebenfalls gern in die Kommentare.

Bis dahin viel Erfolg mit deiner Inhaltsanalyse und bis bald – dein Philip 🙂


Wenn du jetzt auf dem Weg zu mehr Erfolg im Studium noch ein wenig Starthilfe für deine wissenschaftliche Arbeit benötigst, dann habe noch ein PDF für dich, das du dir gratis herunterladen kannst:

Die 30 besten Formulierungen für eine aufsehenerregende Einleitung



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.