Wissenschaftliche Methoden

Qualitative Inhaltsanalyse nach Gläser und Laudel (insb. Experteninterviews)

Qualitative Inhaltsanalyse Experteninterviews Gläser und Laudel

Du möchtest die Qualitative Inhaltsanalyse nach Gläser und Laudel verstehen und damit deine Experteninterviews auswerten?

Dann bist du hier an genau den richtigen Experten geraten.

Denn ich werde dir in den folgenden knapp 1700 Wörtern genau diese Methode näher bringen, das Vorgehen kurz aber präzise zusammenfassen und dir eine Empfehlung mit auf den Weg geben, in welchem Fall du dich für Gläser und Laudel entscheiden solltest und nicht für jemand anderen im Bücherdschungel der empirischen Sozialwissenschaft.

Damit du diesem Video leicht folgen kannst, habe ich das Tutorial für die Qualitative Inhaltsanalyse nach Gläser und Laudel in 7 Schritte aufgeteilt. So kannst du dir effizient Notizen machen und das Gelernte Schritt-für-Schritt für deine wissenschaftliche Arbeit umsetzen.

Noch eine Qualitative Inhaltsanalyse?

Folgst du mir schon länger, wirst du festgestellt haben, dass ich auf diesem Kanal bereits ausführlich die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring vorgestellt habe. Dazu existieren bereits 3 Videos. Zuletzt ging es dann um das Vorgehen nach Kuckartz, da viele seinen Ansatz für den besseren halten.

Bei den Methoden der empirischen Forschung ist es meist so, dass alle Wege irgendwie zum Ziel führen, solange du die Stärken der Methode für die Beantwortung deiner Forschungsfrage nutzt und dies gut in deinem Methodenkapitel argumentierst. Dennoch haben viele Professoren und Professorinnen so ihre Vorlieben, welches Vorgehen denn das Beste ist.

In diesem Fall haben Gläser und Laudel mir eine Whatsapp geschrieben: „Ey, Philip – Hast du uns vergessen!?“

Kleiner Scherz. 

Aller Wahrscheinlichkeit nach hast du einfach die Empfehlung bekommen, dir dieses Vorgehen anzuschauen. Und das hat einen guten Grund.

Qualitative Inhaltsanalyse nach Gläser und Laudel für Experteninterviews

Gläser und Laudel positionieren sich mit ihrem Buch etwas spitzer als z.B. Mayring oder Kuckartz. Sie lehren die Erhebungsmethode der Experteninterviews und geben gleichzeitig alles Notwendige zur Auswertungsmethode, der qualitativen Inhaltsanalyse dazu. Bei Mayring ist es beispielsweise ziemlich egal, ob du Interviewdaten sammelst, alte Tageszeitungen aus dem Stadtarchiv ausleihst oder Instagram-Postings sammelst.

Wenn du also nach Gläser und Laudel vorgehen möchtest, dann bietet sich dies insbesondere dann an, wenn du Experteninterviews führen möchtest, um deine Forschungsfrage zu beantworten.

Qualitative Inhaltsanalyse nach Gläser und Laudel Experteninterviews vorgehen

#1 Wissenschaftstheoretische, methodologische und ethische Grundlagen verstehen

Gläser und Laudel liegt viel daran, dass eine Anwenderin ihres Vorgehens diese Zusammenhänge verstanden hat. Daher widmen Sie viele Seiten den Grundprinzipien der empirischen Sozialforschung, u.a. die Gründe für die Unterscheidung nach quantitativen und qualitativen Methoden, aber auch den Grundprinzipien der qualitativen Forschung und der Wichtigkeit von Theorie.

Zu all diesen Themen findest du bereits Videos auf meinem Kanal – die wichtigsten davon, um Gläser und Laudel zu verstehen, habe ich dir in der Videobeschreibung verlinkt.

#2 Formulieren einer Forschungsfrage für eine rekonstruierende Untersuchung

Die Forschungsfrage ist laut Gläser und Laudel so wichtig, weil sie dir dabei hilft deine Untersuchung einzugrenzen. Nehmen wir mal an du möchtest mithilfe von Experteninterviews verstehen, wie Hilfsorganisationen Social Media verwenden. Dieser Untersuchungsgegenstand ist schon soooo riesig, dass du dazu bis an dein Lebensende Informationen auswerten könntest.

Die Forschungsfrage hat also zum Ziel, eine spezifische Wissenslücke oder ein Forschungsproblem zu adressieren. Sie hilft dir vor allem dabei…

…die Richtung für die Datenerhebung vorzugeben, also wer wo wie was deckst du mit deinen Interviews ab

…und…

…dir selbst einen Rahmen zu stecken, was du anhand dieser Daten untersuchst und was nicht.

Mit rekonstruierender Untersuchung meinen die Autor*innen, dass das Ziel der Forschungsfrage darin bestehen sollte einen sozialen Prozess oder dessen Mechanismen ans Licht zu bringen. Du versuchst also das Wissen der Expertinnen dazu zu nutzen, diesen Sachverhalt zu verstehen und sichtbar zu machen.

Kriterien einer Forschungsfrage

Für Gläser und Laudel muss eine Forschungsfrage vier Dinge abdecken:

1 . Sie geht vom existierenden Wissen aus: Sie bezieht sich auf eine Theorie, indem sie deren Begriffe benutzt und etwas fragt, was durch diese Theorie nicht beantwortet wird.

2. Ihre Beantwortung ermöglicht es, dem existierenden Wissen etwas hinzuzufügen.

3. Sie fragt nach einem Zusammenhang

4. Sie fragt nach einem allgemeinen Zusammenhang, bezieht sich also nicht nur auf den Verlauf eines einzelnen konkreten Prozesses, sondern auf eine Klasse bzw. einen Typ von Prozessen.

Eine mögliche Forschungsfrage für unser eben genanntes Beispiel wäre:

Wie wirkt sich die Nutzung von Social Media auf das Sozialkapital von Hilfsorganisationen aus? 

(1) Diese Forschungsfrage geht von existierendem Wissen aus, nämlich der Theorie des Sozialkapitals. (2) Darüber hinaus könnten die Ergebnisse neue Erkenntnisse über diese Theorie liefern, zum Beispiel weil Hilfsorganisationen ganz anders aufgebaut sind als zum Beispiel For-Profit Organisationen, in deren Kontext das bisherige Wissen über organisationales Sozialkapital generiert wurde. (3) Den Zusammenhang erkennst du an der Formulierung „Wie…wirkt sich…A…auf…B…aus. (4) Und zuletzt ist die Frage allgemein gestellt und nicht etwa so:

Wie wirkt sich die Nutzung von TikTok auf das strukturelle Sozialkapital des Roten Kreuzes aus? 

Zwar kann es sein, dass der TikTok-Kanal des Rote Kreuzes dir als „Fall“ dient, indem du dort deine Untersuchung machst, doch die Forschungsfrage kann allgemein bleiben, damit du in der Diskussion deiner Arbeit die Übertragbarkeit auf andere Kontexte prüfen kannst.

Qualitative Inhaltsanalyse nach Gläser und Laudel Experteninterviews Tipps

#3 Theoretische Vorüberlegungen

Die Formulierung der Forschungsfrage ist bereits Teil dieser Überlegung, denn schließlich muss die Theorie laut Gläser und Laudel schon in der Frage präsent sein.

In der Praxis sieht es also so aus, dass du zunächst einmal den Stand der Forschung zu deinem Untersuchungsgegenstand aufarbeiten musst. Das bedeutet lesen, lesen, lesen.

Wie du ein pointiertes und gut argumentiertest Literatur-Review schreibst, das kannst du auch in meinem Tutorial Literatur-Review schreiben – Aktueller Forschungsstand taufrisch recherchiert nachlesen.

Nur weile eine wissenscha

ftliche Arbeit einen bestimmten Aufbau hat, heißt das nicht, dass du alle Teile chronologisch schreiben musst. Die Schritte nach diesem Vorgehen entsprechen also nicht unbedingt der Gliederung deiner Arbeit. Meine Gedanken dazu findest du auch hier: Gliederung für eine wissenschaftliche Arbeit erstellen – Ein simpler Leitfaden.

Hast du dich für eine Theorie entschieden, musst du dieser die für deine Untersuchung relevanten Dimensionen entziehen. Gläser und Laudel sprechen hier im Gegensatz zu anderen qualitativen Methodenbüchern von Variablen, was ein wenig irreführend sein kann. Deshalb nehmen wir noch einmal das Beispiel zur Hand.

Nach Nahapiet und Ghoshal (1998) teilt sich Sozialkapital in eine strukturelle, relationale und kognitive Dimension auf. Eine Variable für die strukturelle Dimension wäre zum Beispiel die pure Anzahl der Beziehungen einer Entität. Willst du das nun später für deine Untersuchung übersetzen, müsstest du in deinen Interviewleitfaden die Frage: Wie viele Follower hat Ihre Organisation auf TikTok?

Wie du einen kompletten Interviewleitfaden erstellst, habe ich auch in meinem Artikel Interviewleitfaden erstellen – Beispiel für semi-strukturierte Interviews erklärt.

#4 Entwicklung einer Untersuchungsstrategie

Jetzt heißt es zu entscheiden, welche und wie viele „Fälle“ du untersuchen möchtest, um die Forschungsfrage bestmöglich zu beantworten. Für unser Beispiel habe ich das schon vorweggenommen. Es gibt einen Fall (Das Rote Kreuz) und eine Plattform um die es geht. Noch besser wäre es, drei Hilfsorganisationen zu 3 verschiedenen Plattformen zu befragen. Noch besser wäre es, zehn Hilfsorganisationen zu allen Plattformen zu befragen.

Doch das ist weder praktikabel noch der Sinn qualitativer Forschung. Du hast wahrscheinlich mehr davon, wenn du den Fall des Roten Kreuzes wirklich ganz tiefgründig verstehst und aufarbeitest, anstatt bei zehn Organisationen nur an der Oberfläche zu kratzen. Natürlich haben solche Entscheidungen auch damit zu tun, wie viel Zeit und Ressourcen dir zur Verfügung stehen.

An dieser Stelle kannst du nun eine Vorstudie durchführen, entweder um das Rote Kreuz besser kennenzulernen oder aber deinen Leitfaden zu testen. Wenn du das in deiner Arbeit berichtest, ist das immer nicht schlecht und gibt dir mehr Sicherheit ab dem ersten „richtigen“ Interview.

#5 Experteninterviews

Nun geht es um die Durchführung deiner Interviews.

Damit dieser Artikel nicht ausufert, verweise ich auf mein Tutorial Experteninterview durchführen, transkribieren und auswerten (Mit Muster-Leitfaden). In Gläser und Laudel’s Buch findest du an dieser Stelle eine seeeeehr ausführliche und gut verständliche Anleitung für die Vorbereitung und Durchführung deiner Interviews.

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#6 Qualitative Inhaltsanalyse nach Gläser und Laudel

Die Beschreibung der Qualitative Inhaltsanalyse nach Gläser und Laudel baut zu 90% auf der Arbeit von Mayring auf, welche ich bereits in anderen Artikeln beschrieben habe (Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring).

Eine Änderung, die Gläser und Laudel hier jedoch vorgenommen haben, ist das Wegfallen des Probedurchlaufs, den Mayring vorsieht. Grund dafür ist, dass das Kategoriensystem ohnehin laufend angepasst und überarbeitet wird, ähnlich wie Kuckartz es später beschrieb.

Außerdem legen Gläser und Laudel wert darauf, dass du bei der Zuordnung der Textstellen deines Interviewtranskripts – der Extraktion – Raum für Interpretation lässt. Du hast zwar Kodierregeln aufgestellt, an die du dich halten sollst, jedoch sollst du dabei immer dein individuelles Verständnis mit einbeziehen, denn schließlich bist du kein Algorithmus (oder zumindest ein sehr ausgereifter).

Was bei Gläser und Laudel’s „Extraktion“ interessant ist, ist folgendes: Die Kategorien die entstehen, werden durch sogenannte Kausalketten miteinander verbunden.

Das ist insofern interessant, als dass du sofort versuchst die Beziehungen zwischen Variablen zu extrahieren und nicht nur die Variablen selbst. So ist der Weg zu neuer Theorie nicht mehr so weit. Diese Kausalketten kannst du dann sofort als Präpositionen oder auch Hypothesen berichten und es nachfolgenden Forscher*innen so einfacher machen, diese zu überprüfen.

#7 Interpretation der Ergebnisse und Beantwortung der Forschungsfrage

Dieser letzte Schritt ist nicht exklusiv für das Vorgehen ‚Qualitative Inhaltsanalyse nach Gläser und Laudel‘, sondern orientiert sich daran, wie auch andere Auswertungsmethoden bzw. deren Ergebnisse diskutiert werden. Hierfür kannst du einfach in meinem Tutorial Diskussion schreiben – so interpretierst du deine Ergebnisse nachschauen.

Wichtig für dieses Vorgehen ist es nur, dass du den eben beschriebenen „Kausalmechanismus“ berichtest und einordnest, indem du die eingangs beschriebene Literatur wieder zu Rate ziehst. Je nach dem wie viele Fälle du untersuchst, musst du hier eventuell noch auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten eingehen und was diese für den Kausalmechanismus bedeuten.


Ich hoffe dieser kurze Abriss rund um die Qualitative Inhaltsanalyse nach Gläser und Laudel konnte dir ein wenig weiterhelfen. Es ist sehr wichtig, dass du dich dennoch mit dem Originaltext von Gläser und Laudel vertraut machst, damit du das Vorgehen vollständig durchdringen kannst. Von YouTube sollte der Weg also direkt in den Katalog deiner Bib führen.

Lustigerweise schreiben die beiden auf Seite 15f: „Wir sehen keinen Sinn in den zahllosen Kurzbeschreibungen von Methoden, die die Lehrbücher für qualitative Sozialforschung bevölkern. Nach dem Studium einer solchen Kurzbeschreibung haben Sie zwar eine ungefahre Vorstellung davon, was die Methode bewirken soll, können sie aber nicht anwenden.“

Ob darunter auch dieses Video über die Qualitative Inhaltsanalyse nach Gläser und Laudel darunter fällt… wir werden es wahrscheinlich nie erfahren. 😉

 


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