Wissenschaftlich Schreiben

Qualitative Inhaltsanalyse nach Kuckartz (+Unterschied zu Mayring)

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Du möchtest in deiner wissenschaftlichen Arbeit eine qualitative Inhaltsanalyse nach Kuckartz als Methode anwenden, aber du hast ein Problem: Alle reden nur von Mayring. Mayring hier, Mayring da.

Du und/oder die betreuende Person deiner Arbeit halten davon aber gar nichts, sondern Mayring’s Vorgehen für veraltet und nicht optimal. Die ganzen Infos zur qualitativen Inhaltsanalyse helfen dir also recht wenig, denn du brauchst eine Alternative.

Und hier komme ich ins Spiel.

Beziehungsweise Udo Kuckartz, der 2012 mit seinem Werk „Qualitative Inhaltsanalyse: Methoden, Praxis, Computerunterstützung“ eine eigene, verbesserte Vorgehensweise der qualitativen Inhaltsanalyse vorstellte.

In diesem Artikel erkläre ich dir nun in 5 Schritten, wie du die qualitative Inhaltsanalyse nach Kuckartz durchführst und worin sich dieser Ansatz hauptsächlich von Mayring’s unterscheidet. Danach wirst du methodensicher durch deine wissenschaftliche Arbeit spazieren und kannst sicher argumentieren, warum du dich für diese oder jene Vorgehensweise entschieden hast.

Qualitative Inhaltsanalyse: Kuckartz oder Mayring?

Udo Kuckartz hat es nicht leicht. Stell dir vor, dein größtes Werk lebt immer im Schatten eines anderen, obwohl du davon überzeugt bist, dass deine Arbeit eigentlich die bessere ist. Aber das schöne in der Wissenschaft ist ja, dass nur so ein Diskurs entsteht, von dem alle profitieren und die Erkenntnis immer reichhaltiger wird.

Ich möchte in diesem Artikel weniger beurteilen, ob nun Kuckartz besser für dich geeignet ist oder Mayring. In erster Linie erkläre ich dir das Vorgehen nach Kuckartz und weise dann auf die größten Unterscheidungsmerkmale zwischen beiden Ansätzen hin.

Legen wir los!

#1 Klassisches Ablaufschema verstehen

Um die einzelnen Schritte der qualitativen Inhaltsanalyse zu erklären, geht Kuckartz zunächst einen Schritt zurück und nimmt die Phasen einer klassischen bzw. quantitativen Inhaltsanalyse in den Blick. Das sind 5 Phasen, um genau zu sein:

1. Planungsphase

  • Formulierung der Forschungsfrage und Hypothesen anhand bestehender Theorie
  • Bildung einer Stichprobe an Analyseeinheiten, also z.B. die Interviews von 15 Expertinnen oder die letzten 10 Videos, die auf dem YouTube Kanal von LEGO veröffentlicht wurden

2. Entwicklungsphase

  • Definition der Kategorien anhand der Theorie, also ein klassisch deduktives Vorgehen
  • Formulierung von Codierregeln, damit die Inhalte systematisch zugeordnet werden können

3.Testphase

  • Übereinstimmung zwischen Codierenden feststellen, z.B. mittels Intercoder-Reliabilität. Abtimmung, solange bis Reliabilität hoch genug ist
  • Kategoriensystem anpassen, wenn nötig

4. Codierphase.

  • Material wird zufällig auf die Codierenden verteilt und codiert
  • Erstellung einer Datenmatrix

5.Auswertungsphase.

  • Auswertung mithilfe statistischer Verfahren

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#2 Ablauf an qualitatives Paradigma anpassen

Um die Inhaltsanalyse nun nach einem rein qualitativen Paradigma auszurichten, werden nun einige Dinge aus dem Ablauf entfernt und der Ablauf neu interpretiert.

#1 Du formulierst keine Hypothesen, sondern bleibst du bei einer Forschungsfrage. Dein Vorgehen wird so sehr viel offener, einem grundsätzlichen Charakteristikum qualitative Forschung.

#2 Deine Inhaltsanalyse sieht keine statistischen Tests vor. Es ist laut Kuckartz immer noch möglich diese ergänzend durchzuführen, aber die meisten qualitativen Inhaltsanalysen verzichten ganz darauf. Stattdessen geht es hier eher darum, Konzepte aus den Kategorien zu entwickeln, die zu neuer Theorie führen können oder diese ergänzen. Daher fallen ja auch die Hypothesen weg, die ein Werkzeug dafür sind, bestehende Theorie zu testen.

#3 Anstatt stur deduktiv vorzugehen, ist das Vorgehen nach Kuckartz Definition von hermeneutischen Grundprinzipien geprägt, das heißt, anstatt ein vordefiniertes Kategoriensystem und eine in Stein gemeißelte Forschungsfrage zu haben, kann sich beides laufend ändern. Hier ist also ein vermehrt induktives Vorgehen gefragt, indem du in dein Material schaust und immer wieder in die Vorherigen Arbeitsschritte eintauchst, um gegebenenfalls Anpassungen vorzunehmen, sowohl an der Forschungsfrage als auch dem Kategoriensystem.

Stell dir vor, die Inhaltsanalyse folgt nicht festgelegten Schritten, die einer nach dem anderen abgeschlossen werden, sondern offenen Phasen, die dynamisch betreten und wieder verlassen werden können.

Um dies zu verdeutlichen, hat Kuckartz das Ablaufschema der qualitativen Inhaltsanalyse in einer kreisförmigen Abbildung dargestellt, die an den hermeneutischen Zirkel erinnert.

Ablaufmodell qualitative inhaltsanalyse nach Kuckartz qualitative Inhaltsanalyse

 

 

Die qualitative Inhaltsanalyse nach Kuckartz erlaubt es dir also, dass du dich zwischen den Phasen immer wieder vor und zurück bewegen kannst.

#3 Basismethode wählen

Für die nun anstehende qualitative Inhaltsanalyse nach Kuckartz unterscheidet dieser zwischen 3 Basismethoden:

#1 Inhaltliche Strukturierung (Qualitative Inhaltsanalyse nach Kuckartz)

Dieses Prinzip ist uns auch schon von Mayring bekannt. Hier geht es darum, dass das vorliegende Material auf sprachlicher Ebene zusammengefasst wird. Es bedarf also keiner Datenmatrix, mit der Sprache in Zahlen umgewandelt wird, sondern die Sprachebene wird gar nicht erst verlassen.

Stattdessen schlägt Kuckartz eine andere Art der Matrix vor, nämlich aufgeteilt nach Fällen und Kategorien. Hier legst du einfach eine Tabelle an und schreibst in die Fälle in die Zeilen, z.B. deine Interviewees oder zu analysierenden YouTube Kanäle und die die Spalten ergeben sich durch die inhaltlichen Kategorien.

Am Ende der Tabelle, also auf der rechten Seite, kannst du dann eine sogenannte Fallzusammenfassung eintragen. Unter der Tabelle kannst du pro Kategorie die inhaltlichen Auffälligkeiten eintragen, die sich innerhalb jeder Kategorie im Vergleich aller Fälle ergeben haben.

So stehen dir zwei Perspektiven zur Verfügung, mit denen du deine Ergebnisse interpretieren kannst.


Da diese Basismethode die weitaus wichtigste und am häufigsten verwendete ist, möchte ich hier auch das Ablaufschema kurz zeigen:

  1. Initiierende Textarbeit, markieren von Textstellen und Memos, also Anmerkungen Gedanken, die du während der Arbeit hast.
  2. Entwickeln von Hauptkategorien (thematisch)
  3. Codieren des gesamten Materials anhand der Hauptkategorien
  4. Zusammenfügen aller Textstellen innerhalb einer Hauptkategorie
  5. Induktives Bestimmen von Unterkategorien
  6. Erneutes Codieren des gesamten Materials, nun aber mit dem gesamten System aus Haupt- und Unterkategorien
  7. Weitere Analysen und Darstellung in Form von Abbildungen und Tabellen

Auch hier ist es wieder wichtig zu verstehen, dass du dich zwischen den Schritten bewegen kannst. Es ist nicht so gedacht, dass du einen Schritt abschließt, zum nächsten gehst und ein Weg zurück dann verboten wäre.

#2 Die evaluative qualitative Inhaltsanalye nach Kuckartz

Anders als bei der inhaltlich strukturierenden Inhaltsanalyse steht hier die „Einschätzung, Klassifizierung, und Bewertung“ (Kuckartz, 2016. S.123) im Mittelpunkt.

#3 Die typenbildende qualitative Inhaltsanalyse nach Kuckartz

Diese Methode baut oftmals auf den anderen beiden auf und ist eine Ecke zu komplex für unsere Zwecke. Laut Kuckartz geht es hier um „die Suche nach mehrdimensionalen Mustern, die das Verständnis eines komplexen Gegenstandsbereichs oder eines Handlungsfeldes ermöglichen“ (Kuckartz, 2016, S. 143).

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#4 Computerunterstützung in Betracht ziehen

In seinem Buch widmet Kuckartz ein ganzes Kapitel der Durchführung der Inhaltsanalyse durch Software. In diesem Fall ist MAXQDA das bekannteste Programm, das sich für eine qualitative Inhaltsanalyse prima eignet.

Schaue am besten mal auf den Webseiten deiner Uni vorbei, ob sie die Lizenz für dieses Programm für Studierende freigekauft haben. Alternativ kannst du das Programm 30-Tage testen. In diesem Fall müsstest du natürlich gut planen, damit du deine Analyse in dieser Zeit abschließen kannst.

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#5 Gütekriterien berichten

Ähnlich wie Mayring legt Kuckartz großen Wert darauf, dass die qualitative Inhaltsanalyse, trotz aller Offenheit, möglichst systematisch vonstatten geht. Das bedeutet, dass du im schriftlichen Teil deiner Arbeit peinlich genau berichtest, wie und in welcher Reihenfolge du vorgegangen bist.

Musstest du deine Hauptkategorien nochmal nachjustieren? Kein Problem. Berichte es einfach.

Das gleiche gilt für Tests wie die Reliabilitätsprüfung. In jedem Fall solltest du mindestens diese berichten. Wenn du alleine und nicht im Team arbeitest, gibt es ebenfalls Möglichkeiten, die Reliabilität deines Codings auszurechnen.

Darüber hinaus schau gerne bei meinem Video zu den weiteren Gütekriterien wissenschaftlicher Forschung vorbei.

Unterschied zwischen Mayring und Kuckartz

Und zu guter Letzt bin ich dir noch die Unterschiede zwischen Mayring und Kuckartz schuldig. Und ehrlich gesagt: So groß sind diese gar nicht. Eigentlich sind sie sich sogar ziemlich ähnlich:

Beide legen Wert auf das für den deutschen Sprachraum typische Grundverständnis der Hermeneutik und sind beide sehr darauf erpicht, dass die qualitative Inhaltsanalyse möglichst systematisch abläuft.

Mayring hat einige Methoden, welche die qualitative Inhaltsanalyse nach Kuckartz als Basismethoden bezeichnet nicht ganz ausführlich beschrieben, ebenso wie die Computerunterstützung. Beides hat Kuckartz ergänzend getan. Darüber hinaus ist der Wohl größte Unterschied, dass Mayring eher eine theoretische Basis befürwortet, welche die Inhaltsanalyse leitet, wohingegen Kuckartz noch stärker auf den induktiven Charakter der Inhaltsanalyse pochen (Schreier, 2014).

Für dich bedeutet das also: Wirf einen Blick in beide Grundlagenwerke oder bringe in Erfahrung, welchen Ansatz die betreuende Person deiner wissenschaftlichen Arbeit bevorzugt. Lege dich dann auf ein Vorgehen fest und vermische sie nicht. Mit beiden ist es möglich, dass du eine hervorragende wissenschaftliche Arbeit zu Papier bringst.


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