Wissenschaftlich Schreiben

Induktive Kategorienbildung nach Mayring (Beispiel Qualitative Inhaltsanalyse)

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Du hast dir als Methode deiner wissenschaftlichen Arbeit eine qualitative Inhaltsanalyse vorgenommen und stehst nun vor dem Schritt eine induktive Kategorienbildung vorzunehmen?

Dann hast du mit deinem letzten Klick alles richtig gemacht.

Denn in diesem Artikel gehe ich mit dir Schritt-für-Schritt und anhand eines Beispiels den gesamten Prozess der induktiven Kategorienbildung durch. Dabei gehen wir so vor, wie Mayring es in seinem vielfach zitierten Buch* beschreibt.

Mit den zusätzlichen Hinweisen, die ich dir aus meiner Erfahrung mit der Methode geben kann, wirst du mit diesem Video alle offenen Fragen beantwortet bekommen. So steht der Durchbruch für deine eigene Inhaltsanalyse kurz bevor.

Induktive Kategorienbildung nach Mayring

Falls du noch nicht mit der Methode der qualitativen Inhaltsanalyse vertraut bist, dann empfehle ich dir zunächst einmal mein Grundlagen-Tutorial zur qualitativen Inhaltsanalyse zu lesen.

Die induktive Kategorienbildung ist eine einzelne Technik innerhalb der Methode der qualitativen Inhaltsanalyse. Sie wird häufig mit Philipp Mayring in Verbindung gebracht, da er sie in seinem Grundlagenwerk ausführlich beschreibt.

Dennoch kommt es auch nach dem Wälzen von Mayring’s Methodenbuch oftmals zu Schwierigkeiten und ich bekomme viele Fragen zu diesem Thema. Deshalb möchte ich in diesem Video den Prozess einmal exemplarisch durchspielen.

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Ablauf der Qualitativen Inhaltsanalyse (Beispiel)

Die Methode der Inhaltsanalyse als Ganzes folgt einem vorher festgelegten Ablauf. Mayring hat dazu ein allgemeines Ablaufmodell entwickelt, welche je nach Anwendung der Inhaltsanalyse angepasst werden kann. Die vollständigen Ablaufmodelle findest du in der 2010er Version seines Buches auf den Seiten 60-62.

Im folgenden stelle ich einen möglichen Ablauf einer Inhaltsanalyse einmal vereinfacht für ein spezielles Beispiel dar.

In unserem Beispiel schreibst du deine Abschlussarbeit zum Thema „Kollaboration mittels Virtual Reality im Arbeitskontext.“ Während der Corona-Krise hat ein Unternehmen an 10 MitarbeiterInnen VR-Brillen verschickt und das wöchentliche Team Meeting in einer VR-App abgehalten. Du begleitest nun dieses Experiment, indem du die 10 MitarbeiterInnen im Rahmen deiner Bachelorarbeit zu ihren Erfahrungen interviewst.

Den Grundstein für die Auswertung deiner Interviews musst du bereits legen, bevor du sie überhaupt geführt hast. Du brauchst wie in meinem Grundlagen-Video beschrieben eine konkrete Fragestellung.

Eine für unser Beispiel geeignete übergeordnete Fragestellung wäre „Was sind die hauptsächlichen Erfahrungen von MitarbeiterInnen während der Team-Kollaboration mittels Virtual Reality?“

Hier kannst du noch speziellere Unterfragen hinzufügen, aber der Einfachheit halber gehen wir von dieser Forschungsfrage aus. In deiner Literaturrecherche setzt du nun alles daran eine Expertin auf diesem Gebiet zu werden und überprüfst, ob du hilfreiche theoretische Arbeiten findest, die dir eine geeignete Perspektive für die Beantwortung deiner speziellen Fragestellung bieten.

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Deduktives Vorgehen

Mal angenommen, die MitarbeiterInnen des Unternehmens arbeiten mit schweren Maschinen und haben ohnehin schon den ganzen Tag eine hohe kognitive Belastung. Hier könntest du eine Theorie wie die „Cognitive Load Theory“ verwenden, um deine Interviewfragen zu gestalten und deine Auswertung zu leiten. Die Theorie bietet dir nun bestimmte Dimensionen, nach denen du deine Studie strukturieren kannst. Das sind wenn du so willst vorgefertigte Kategorien, in die du dein Datenmaterial, also die Interview O-Töne, einordnest.

Die Auswertung deiner Interview-Daten erfolgt dann deduktiv, also auf Grundlage des zuvor festgelegten theoretischen Rahmens.

Induktive Kategorienbildung

Angenommen deine Recherche läuft ins Leere und du die Forschung zu deinem Gegenstand ist wirklich noch ganz am Anfang, dann kannst du induktiv vorgehen. Das bedeutet nichts anderes als dass sich deine Kategorien aus dem Material heraus (induktiv) ergeben bzw. entwickelt werden.

Dies sollte sich auch in deiner Fragestellung widerspiegeln, so wie in unserem Beispiel: „Was sind die hauptsächlichen Erfahrungen…“ Hier wissen wir also noch nicht wirklich viel und wollen den Gegenstand überhaupt erstmal verstehen. Bedenke, dass die eingesetzt Methode immer zur Forschungsfrage passen muss.

In der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring gibt es drei hauptsächliche Analysetechniken: Die Zusammenfassung, die Explikation und die Strukturierung. Je nach Fragestellung und Datenmaterial kannst du dich für eine entscheiden oder mehrere miteinander kombinieren.

Die induktive Kategorienbildung ist eine Technik der Zusammenfassung. Es geht also darum, das gesamte Material, also in unserem Beispiel alle 10 Interviews, auf das Wesentliche zu reduzieren.

Ziel dieser Zusammenfassung ist ein sogenanntes Kategoriensystem, welches aus Kategorien besteht, die das Material abstrakt repräsentieren und in Beziehung zueinander stehen, also z.B. durch übergeordnete oder untergeordnete Kategorien.

Mayring schlägt nun 7 Schritte vor, mit denen dir die induktive Kategorienbildung gelingt.

7 Schritte der induktiven Kategorienbildung

1. Schritt: Analyseeinheit bestimmen:

In unserem Beispiel wäre das jede vollständige Aussage einer Mitarbeiterin zu ihrer Erfahrung mit der VR-Kollaboration

2. Schritt: Paraphrasiere die Aussagen

Das bedeutet einfach nur, dass du die Aussagen von Überflüssigem bereinigst und sauber aufschreibst. Die exakten Paraphrasier-Regeln findest du in Mayring’s Buch (2010) auch auf Seite 70.

3. Schritt: Abstraktionsniveau festlegen

Mach dir bewusst, wie weit der Weg von deinem Material bis hin zu einer fertigen Kategorie ist, die z.B. nur aus einem oder zwei Wörtern besteht. Meistens macht es Sinn, hier zwei sogenannte Reduktionen zu vollführen, also z.B. von einem ganzen paraphrasierten Satz erstmal zu einem Stichpunkt. Das Abstraktionsniveau wird also Schritt für Schritt angehoben. Wie viele Schritte du dafür benötigst, hängt davon ab, wie dein Material aussieht. Ein Interview-Transkript braucht womöglich zwei Schritte und ein Tweet nur einen. Stammt er von Donald Trump, dann wohl gar keinen.

Interview-Beispiel

In unserem Interview-Beispiel könnte das so aussehen:

Aus „Ich hatte oftmals Probleme mit Schwindel bei schnellen Bewegungen in unserem VR-Meeting“ wird „Schwindel bei schnellen Bewegungen“

Schritt 4 wäre die erste Reduktion und Schritt 5 die zweite Reduktion.

6. Schritt: Zusammenfassung der Aussagen als Kategoriensystem.

Hier ist es bei der induktiven Kategorienbildung wichtig, dass du die Aussagen Eine nach der anderen durchgehst und sie einer Kategorie zuordnest. „Schwindel bei schnellen Bewegungen“ könnte eine Kategorie „Körperliche Erfahrungen“ nach sich ziehen. Jetzt gehst du weiter zur nächsten Aussage, z.B. „Schwierigkeiten bei Notizen mit VR-Controller“. Jetzt überprüfst du ob diese Aussage in die bereits gebildete Kategorie „Körperliche Erfahrungen“ passt. Nein. Also bildest du eine neue, z.B. „Hardware-Probleme“.

7. Schritt: Rücküberprüfung.

Deine fertigen Kategorien bilden sich nun nach und nach. Zu Beginn macht es Sinn lieber zu viele verschiedene als zu wenige zu bilden. Stellst du am Ende fest, das dein Kategoriensystem 27 Kategorien beinhaltet und sich viele ähneln, dann machst du einfach einen weiteren Schritt der Zusammenfassung. Rücküberprüfung bedeutet, dass du zurück zum Ausgangsmaterial gehst und es mit deinem Kategoriensystem abgleichst. Spiegelt das Kategoriensystem angemessen wider, was die MitarbeiterInnen ausgesagt haben?

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Häufige Stolperfallen bei der induktiven Kategorienbildung

Ich beobachte sehr stark, dass die Anleitung der Inhaltsanalyse und insbesondere der induktiven Kategorienbildung oft zu dogmatisch wahrgenommen wird. Du hast Angst, vom Mayringschen Ablaufmodell abzuweichen und willst Schritt für Schritt genauso durchführen wie in der Methode beschrieben.

Das ist löblich, aber wenn du merkst, dass du mit deinem Datenmaterial an eine Grenze stößt und der nächste von der Literatur vorgegebene Schritt nicht funktioniert, dann ist es an dir als Forschende eigenmächtig eine methodische Entscheidung zu treffen und diese in deinem Methodenteil schriftlich zu begründen.

Du kannst und darfst also vom Plan abweichen, wenn es nötig ist. Auch Mayring schreibt das auf Seite 49: „Die Inhaltsanalyse ist kein Standardinstrument, das immer gleich aussieht; sie muss an den konkreten Gegenstand, das Material angepasst sein und auf die spezifische Fragestellung hin konstruiert werden.“

Darüber hinaus ist insbesondere das induktive Vorgehen eine Technik, die Mayring selbst als „offen“ bezeichnet. Solange du systematisch vorgehst, deine Entscheidungen begründest und genau beschreibst, ist alles gut.


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