Wissenschaftliche Methoden

Diskursanalyse einfach erklärt (Foucault, Methode, Beispiel)

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Du möchtest eine Diskursanalyse im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit durchführen, aber du weißt einfach nichts mit den verkomplizierten Erklärungen zu dieser Methode anzufangen?

Dann bist du hier richtig.

Denn in diesem Video bringen wir gemeinsam Licht ins Dunkel. Ich beantworte dir die 3 wichtigsten Fragen zum Thema Diskursanalyse:

  1. Was ist ein Diskurs und wie ist dieser Begriff zu verstehen?
  2. Wie wird eine Diskursanalyse Schritt für Schritt durchgeführt?
  3. Was sind Beispiele für Diskursanalysen?

Nach der Beantwortung dieser 3 Fragen weißt du also ganz genau wie du weiter vorgehen musst, um deine eigene Diskursanalyse in die Form einer wissenschaftlichen Arbeit zu bringen.

Was ist ein Diskurs?

Für die Beantwortung dieser Frage führt zunächst einmal kein Weg am Werk des französischen Philosophen Michel Foucault (1926-1984) vorbei. Foucault war ein extrem faszinierender Denker, in dessen Werk er neben vielen anderen Gedanken und Theorien auch den Begriff des Diskurses weiterentwickelt hat.

Mit Diskurs meint Foucault meint alle Arten von Aussagen wie Texte, Begriffe oder Konzepte, die in einer Gesellschaft kursieren, also zu einem bestimmten Thema im Umlauf sind. Der Diskurs definiert die Sprache, aber auch die Denkweise fest, wie die Gesellschaft zu einem Thema steht. Hier entwickeln sich dann ungeschriebene Regeln, wie über das Thema geredet wird und was vielleicht tabu ist. Am Ende entscheidet der Diskurs sogar, ob und wie in Bezug zu dieser Sache gehandelt wird.

Beispiele aus Foucault’s Werken

Ein Beispiel aus Foucaults Frühwerk ist der Diskurs zum Thema Geisteskrankheit bzw. Wahnsinn, wie er es nennt. Hier analysiert Foucault ab wann die Gesellschaft Menschen als wahnsinnig bzw. geisteskrank einstuft und was als „normales“ und „unnormales“ Verhalten gilt. Es ist schockierend, wie wenig früher notwendig war, um als wahnsinnig zu gelten und von der Gesellschaft ausgestoßen zu werden. Heute hat sich diese Grenze verschoben und Psychatrien sind nicht mehr nur im Keller eines Krankenhauses.

Später hat Foucault unter anderem auch Diskurse über Sexualität analysiert, mit ähnlich interessanten Ergebnissen. Bei der Diskursanalyse geht es also fast immer um Themen, die eine hohe gesellschaftliche Relevanz oder Sprengkraft haben.

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Diskursanalyse: Wissen und Macht

Den zweiten Punkt, den du dir merken musst: Foucault hat erkannt hat, dass es in Diskursen immer um Macht und Wissen geht. Macht beeinflußt den Diskurs – was nicht positiv oder negativ ist, aber berücksichtigt werden muss.

Macht: Eine Diskursanalyse muss berücksichtigen wer, warum, aus welchen Interessen heraus an einem Diskurs teilnimmt und diesen versucht zu beeinflussen.

Wissen: Ein Diskurs entwickelt sich stetig weiter und trägt dazu bei, dass sich ein nach Möglichkeit gesteigerter Wissensstand entwickelt. Wusste man früher nur wenig über die Hintergründe von Geisteskrankheit, weiß man heute viel mehr und der Diskurs ist differenzierter geworden.

Foucault führte seine Diskursanalysen mittels sprachlicher De- und Rekonstruktion durch. Eine reproduzierbare wissenschaftliche Methode kam dabei jedoch nicht heraus.

Damit wir heute eine Diskursanalyse durchführen können, die einem wissenschaftlichen sauberen Vorbild folgt, müssen wir also weiter in der Geschichte reisen.

Diskursanalyse als wissenschaftliche Methode (5 Schritte)

Ähnlich wie bei der Inhaltsanalyse oder dem Grounded Theory Ansatz gibt es auch bei der Diskursanalyse viele Autorinnen und Autoren die zur Weiterentwicklung dieser Methode beigetragen haben. Doch der Einfachheit halber konzentrieren wir uns im Folgenden auf die Arbeit von Reiner Keller.

Sein Buch „Wissenssoziologische Diskursanalyse“ aus dem Jahr 2011 sollte bei dir ganz oben auf der Leseliste stehen, wenn du eine Diskursanalyse planst.

Eine Diskursanalyse ist nichts seltsames oder schwer greifbares, sondern folgt den gleichen Prinzipien wie alle anderen qualitativen Methoden in der empirischen Sozialforschung. Dabei bedient sie sich teilweise an den gleichen Bestandteilen, wie wir gleich sehen werden.

Das ist das Vorgehen nach Keller in 5 Schritten:

#1 Forschungsfragen aufstellen

Die Forschungsfrage einer Diskursanalyse ist nicht anders als andere Forschungsfragen. Natürlich muss die Frage so gestellt sein, dass eine Diskursanalyse der logische methodische Zugang dazu ist. Beispielsweise könnte eine Frage sein:

Forschungsfrage: Wie wird der Klimawandel im politischen Diskurs in Deutschland dargestellt? 

#2 Literaturarbeit

Im nächsten Schritt solltest du, wie in jeder anderen Arbeit auch, einen aktuellen Forschungsstand aufarbeiten und dich mit den Kernbegriffen auseinandersetzen. Wenn du deine Diskursanalyse noch größer aufziehen möchtest, kannst du ebenfalls einen theoretischen Hintergrund erarbeiten. Dann musst du deine Forschungsfrage leicht anpassen und die Theorie in deine Arbeit mitaufnehmen. Das wäre z.B. der Fall wenn du fragst: Wie wirkt sich der politische Diskurs über den Klimawandel auf das Meinungsklima in der Stahl- und Kohleindustrie aus? 

Hier könnte dann die Schweigespirale eine interessante Theorie sein – diese würde erklären, warum bestimmte Gruppen ihre Meinung nicht äußern, wenn sie glauben sie seien in der Minderheit.

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#3 Datensampling

Wie gewohnt stellst du nun deine Daten zusammen. Bei der Diskursanalyse sind das in der Regel Dokumente, also Texte und andere Veröffentlichungen, die einen öffentlichen Diskurs möglichst gut widerspiegeln. Für die Beispiel-Forschungsfrage zum Klimawandel könnten das z.B. die Parteiprogramme der Bundestagswahl in Deutschland sein oder Industrieberichte, Zeitungsartikel, Reden, etc.

Die Auswahl der Daten orientiert sich dabei am Prinzip des theoretischen Samplings, das du vielleicht von der Grounded Theory Methode kennst. Deine Stichprobe kann sich dabei laufend erweitern. Zum Beispiel könntest du mit dem Parteiprogramm der Grünen starten und dann ein möglichst kontrastreiches Gegenstück finden, zum Beispiel das Parteiprogramm der AfD. Je nach dem was deine Forschungsfrage ist, arbeitest du dich so immer weiter vor und versuchst den Diskurs immer besser zu verstehen.

#4 Kodieren

Bei der Auswertung deiner Daten outet sich Keller erneut als Fan der Grounded Theory. Er schlägt vor, dass du Kategorien bildest, welche wiederkehrende Aspekte des Diskurses zusammenfasst und miteinander verknüpft. Dazu kannst du Kommentare und Notizen (sogenannte Memos) schreiben, welche du dann versuchst in eine abstrakte Kategorie zu überführen. Im Diskurs zum Klimawandel könnte sich z.B. eine Kategorie wie „Generationenkonflikt“ herausbilden, wenn immer wieder davon die Rede ist, dass heutige Generationen über die Zukunft unserer Kinder entscheiden oder ähnliche Dinge.

Das besondere bei der Diskursanalyse ist nicht die Analyse einzelner Aussagen oder Akteure (wie z.B. bei einem Experteninterview), sondern wie die Gesamtheit bzw. Polarität der Aussagen und Akteure zusammenspielt. Du bist also immer auf der Suche nach dem übergreifenden Muster, welches den Diskurs charakterisiert.

#5 Ergebnisse darstellen

In deinem Ergebnisteil erzählst du dann nach, was du über den Diskurs unter Berücksichtigung deiner Forschungsfrage herausgefunden hast. Hier könnte es Sinn machen, deinen Ergebnisteil nach Akteuren, aber auch nach inhaltlichen Mustern, z.B. anhand deiner Kategorien zu strukturieren. Nutze dafür Unterüberschriften um Übersicht zu schaffen und Tabellen, um die Ergebnisse möglichst greifbar auf einen Blick darzustellen.

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Ergebnisse der Diskursanalyse diskutieren

Bei meiner Recherche zu diesem Thema bin ich noch auf eine hilfreiche Liste an Fragen gestoßen, die ich dir nicht vorenthalten möchte. An deiner Stelle würde ich versuchen, diese Fragen mit in die Diskussion deiner Diskursanalyse aufzunehmen. Du kannst die Antworten darauf also Schritt für Schritt abarbeiten und sie bei deiner Datenauswertung im Hinterkopf behalten. Natürlich nur wenn der Umfang deiner wissenschaftlichen Arbeit das zulässt.

Alternativ kannst du dir einzelne dieser Fragen herauspicken und als mögliche Forschungsfragen verwenden. Wenn du z.B. eine Hausarbeit schreibst, könntest du dir 1-2 Fragen vornehmen, wohingegen du in der Diskursanalyse im Rahmen einer Masterarbeit so viele davon wie möglich adressieren solltest, um den gesamten Diskurs zu beschreiben.

Die Fragen stammen aus Ludwig-Meyerhöfer (ohne Datum; S. 20, URL: Vorlesung Empirische Methoden I)

  • Wann taucht ein Diskurs auf, wann verschwindet er wieder?
  • Welche sprachlichen oder symbolischen Mittel werden eingesetzt?
  • Wie werden Gegenstände durch den Diskurs konstituiert und formiert?
  • Was sind entscheidende Ereignisse im Verlauf eines Diskurses?
  • Welche Akteure besetzen wie welche Sprecherpositionen?
  • Wer ist Träger, wer ist Adressat, wer ist Publikum des Diskurses?
  • Welche Bezüge enhält Diskurs zu anderen Diskursen?
  • Wie lässt sich Diskurs auf soziale Kontexte beziehen?
  • Welche Macht-Effekte gehen von einem Diskurs aus, wie verhalten sich diese zu gesellschaftlichen Praxisfeldern?

Fazit

Mit dem Hintergrundwissen zu Foucault’s Diskursbgriff, den 5 methodischen Schritten nach Keller und den Diskussions-Fragen von Ludwig-Meyerhöfer solltest du gut für deine Diskursanalyse gewappnet sein.

Aber wie immer gilt: Dieses Video ist nur ein schneller Einstieg in die Thematik und soll dich dazu inspirieren, an anderer Stelle tiefer einzusteigen. Schnapp dir also am besten Keller’s Methodenbuch oder suche nach einer Arte-Doku zu Michel Foucault und lass dich darauf ein.

Die Diskursanalyse ist weder schwierig zu verstehen noch kompliziert durchzuführen. Es gibt auch kein richtig oder falsch. Wie immer kommt es darauf an, was du daraus machst.

 


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