Du führst Interviews und fragst dich, wie daraus eigentlich Theorie entstehen soll?
Kathy Charmaz stellte sich genau dieselbe Frage und kam zu einer überraschenden Antwort:
Theorie entsteht nicht in den Daten, sondern im Austausch mit den Menschen, die du erforschst.
In diesem Beitrag schauen wir uns an, was Charmaz’ (2006;2014) Grounded Theory Ansatz so besonders macht, wie du ihn in deiner eigenen Forschung anwenden kannst und woran er sich von anderen Ansätzen wie der Gioia-Methode unterscheidet.
Inhaltsverzeichnis
1. Der Ursprung: Glaser und Strauss
Die Grounded Theory Methodologie wurde in den 1960er-Jahren von Barney Glaser und Anselm Strauss entwickelt. Ihr Ziel: Forscher sollten Theorien nicht nur testen, sondern selbst welche entwickeln, indem sie Daten induktiv analysieren und dabei möglichst systematisch vorgehen. In dieser klassischen Sichtweise sind Forschende also Beobachter, die Bedeutungen in Daten finden, aber nicht selbst mitgestalten.

2. Charmaz’ konstruktivistische Grounded Theory
Später stellte Kathy Charmaz genau diese Vorstellung infrage. Sie sagte: „Sobald wir Fragen stellen, zuhören und interpretieren, sind wir Teil des Prozesses.“ Wir bringen also immer unsere eigenen Perspektiven, Werte und Erfahrungen mit und genau das prägt, wie wir Daten verstehen.
Ihr Ansatz wird deshalb konstruktivistisch genannt: Erkenntnis entsteht nicht, weil Forschende eine objektive Wahrheit entdecken, sondern weil sie gemeinsam mit den Teilnehmenden Bedeutungen rekonstruieren und interpretieren.
Forschung ist aus ihrer Sicht also kein Abbild der Wirklichkeit, sondern ein Prozess des gemeinsamen Verstehens.
3. Die drei zentralen Prinzipien nach Charmaz
1. Reflexivität
Du als Forscher bist Teil des Forschungsprozesses, egal, ob du willst oder nicht.
Deine Fragen, deine Haltung und auch die Art, wie du über deine Ergebnisse schreibst, beeinflussen, was du findest und wie du es interpretierst.
Wenn du zum Beispiel mit der Annahme in ein Interview gehst, dass Menschen im Homeoffice grundsätzlich unmotiviert sind, wirst du wahrscheinlich auch genau das hören.
Fragst du dagegen offen: „Wann fühlst du dich zu Hause besonders motiviert?“, öffnest du Raum für ganz andere Perspektiven.
Charmaz sagt: Deine Haltung wirkt immer mit, aber das ist kein Fehler, sondern Teil des Erkenntnisprozesses.
2. Bedeutung
Theorien entstehen nicht aus Zahlen oder festen Kategorien, sondern aus dem Sinn, den Menschen ihren Erfahrungen geben.
Wenn jemand im Interview sagt: „Ich bin zu Hause viel produktiver, weil mich niemand stört,“
dann beschreibt er nicht einfach „Effizienz“, sondern verleiht dem Homeoffice eine persönliche Bedeutung: zum Beispiel Freiheit, Kontrolle oder Ruhe.
Genau diese individuellen Bedeutungen stehen im Zentrum der Grounded Theory nach Charmaz.
3. Kontext
Erlebnisse und Bedeutungen entstehen nie im luftleeren Raum.
Wie jemand Motivation im Homeoffice erlebt, hängt von dessen sozialen und kulturellen Umfeld ab. Lebt die Person allein oder mit Familie?
Wie ist die Arbeit organisiert? Gibt es klare Grenzen zwischen Job und Freizeit?
Solche Zusammenhänge helfen zu verstehen, warum dieselbe Situation für verschiedene Menschen ganz unterschiedlich erlebt wird.

4. Wie du nach Charmaz arbeitest
Bleiben wir beim Beispiel Motivation im Homeoffice.
Du möchtest herausfinden, wie Menschen ihre Motivation zu Hause erleben und aufrechterhalten, ohne vorgegebene Theorie, sondern offen für das, was sich aus den Gesprächen ergibt.
Das ist der Kern der Grounded Theory nach Charmaz: Du beginnst mit den Daten und lässt daraus nach und nach Theorie entstehen.
1. Initiales Kodieren
Am Anfang steht das initiale Kodieren, was vergleichbar mit dem offenen Kodieren aus anderen Ansätzen ist. Du liest deine Interviews Zeile für Zeile und fragst dich: „Was passiert hier? Worum geht es wirklich?“
Eine Person sagt vielleicht: „Ich starte jeden Tag motiviert, aber sobald die Kollegen nicht online sind, fällt es mir schwer, dranzubleiben.“
Du könntest das offen kodieren als „Motivation abhängig von sozialer Präsenz“ oder „braucht sichtbare Strukturen“.
In dieser Phase geht es nicht darum, deine Codes besonders stark zu abstrahieren, sondern offen zu beobachten, zu benennen und festzuhalten, was in den Daten passiert, ohne vorschnell zu interpretieren.
2. Fokussiertes Kodieren
Nach einigen Interviews wirst du Muster erkennen.
Vielleicht tauchen Aussagen auf wie:
„Mir fehlt das Feedback meiner Kollegen.“
„Ich liebe die Ruhe, aber manchmal ist sie zu viel.“
„Wenn ich in Jogginghose arbeite, fühlt es sich nicht wie Arbeit an.“
Du verdichtest diese Codes zu zentralen Kategorien wie „soziale Verbundenheit als Motivationsquelle“ oder „Routine schafft Struktur“.
Beim fokussierten Kodieren filterst du also, welche Themen wirklich tragend sind und welche Konzepte dein theoretisches Verständnis tragen könnten. Du gehst somit auf ein höheres Abstraktionslevel, indem du mehrere zusammenhängende initiale Codes interpretativ zusammenfasst.
3. Theoretisches Kodieren
Jetzt suchst du nach Verbindungen zwischen den Kategorien. Vielleicht stellst du fest, dass Motivation im Homeoffice in einem Spannungsfeld zwischen Freiheit und Struktur steht. Zu viel Freiheit kann Orientierungslosigkeit erzeugen, zu viel Struktur Druck.
Daraus könnte ein theoretisches Modell entstehen, zum Beispiel „Der Balance-Mechanismus der Homeoffice-Motivation“. Ein Prozess, in dem Menschen ständig zwischen Selbstbestimmung und äußerer Struktur navigieren.
Das theoretische Kodieren hilft dir, über Einzelerlebnisse hinauszudenken und ein tieferes Verständnis der Dynamik zu entwickeln. In dieser Phase entledigst du dich jeglicher Codes und Kategorien, die nicht zentral für deine Theorie sind. Übrig bleibt dein Modell oder deine eigene kleine Theorie.
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4. Memos schreiben
Während du analysierst, schreibst du Memos, um deine Gedanken festzuhalten.
Das sind kleine Notizen, in denen du deine Ideen, Zweifel und Aha-Momente dokumentierst.
Zum Beispiel:
„Interessant: Motivation scheint kein stabiler Zustand zu sein, sondern etwas, das täglich neu ausgehandelt wird, abhängig von Routinen, Kommunikation und Selbstbild.“
Diese Memos sind die Brücke zwischen Daten und Theorie und zeigen, wie dein Denken sich entwickelt. Das macht deinen Analyseprozess später nachvollziehbar und transparent.
5. Theoretisches Sampling
Zwischen Phasen der Analyse und erneuter Datensammlung kommt das theoretische sampling ins Spiel, also gezieltes Nachsammeln von Daten.
Du führst neue Interviews nicht zufällig, sondern strategisch, um deine entstehende Theorie zu verfeinern.
Wenn du zum Beispiel siehst, dass Motivation stark mit sozialer Präsenz zusammenhängt, interviewst du gezielt Personen, die allein arbeiten oder besonders gerne im Team.
So kannst du vergleichen, welche Bedingungen den Unterschied machen: etwa Persönlichkeit, Aufgabenstruktur oder Teamkultur.
Am Ende steht eine Theorie, die zeigt, wie Menschen Motivation im Homeoffice erleben.
Sie ist nicht „erfunden“, sondern aus den Daten mit dir gewachsen und genau das ist das Herzstück der Grounded Theory nach Charmaz.

Vergleich: Charmaz vs. Gioia-Methode
In der qualitativen Forschung gibt es mehrere Wege, um Theorie aus Daten zu entwickeln.
Neben Charmaz’ Ansatz hast du vielleicht auch schon mal was über die Gioia-Methode gehört. Sie teilt den Grounded Theory Prozess in klar strukturierte Analyseebenen und macht so nachvollziehbarer, wie aus Daten ein theoretisches Modell entsteht. Er ist deutlich systematischer und anfängerfreundlicher. Der Vergleich ist spannend, weil er zeigt, dass beide Ansätze das gleiche Ziel verfolgen, aber mit unterschiedlicher Logik und mehr (Gioia) oder weniger (Charmaz) strukturiert. Mehr Struktur und Anleitung in der Methode, gibt dir konkretere Schritte an die Hand, kann dich aber auch in deiner Kreativität einengen.
Gioia oder Charmaz?
Die Entscheidung zwischen Charmaz und Gioia hängt stark von deinem Ziel ab.
Wenn du eher am Anfang deiner Grounded Theory Reise stehst, hilft dir die Gioia-Methode, den Überblick zu behalten und Muster zu erkennen. Du kannst damit gut neue Konzepte und ein konzeptuelles Modell entwickeln. Sie eignet sich auch gut, wenn du im Team arbeitest, weil sie eine gemeinsame Sprache und einheitliche Struktur bietet.
Charmaz dagegen ist ideal, wenn du etwas mehr kreative Freiheit brauchst und deine Theorie über ein konzeptuelles Modell hinausgehen soll. Beispielsweise kannst du mit Charmaz in Richtung Prozessmodell gehen oder Zusammenhänge zwischen deinen Kernkategorien stärker theorisieren.
Charmaz‘ Ansatz erlaubt mehr Flexibilität und fördert kreatives, reflexives Denken über Daten, statt sie in ein festes Schema zu pressen.
Hier siehst du abschließend noch mal eine Übersicht, wie sich die beiden Ansätze in den wichigsten Aspekten unterscheiden:
| Aspekt | Charmaz | Gioia-Methode |
|---|---|---|
| Ziel | Verstehen, wie Menschen Erfahrungen deuten | Strukturieren, wie Aussagen zu einem Modell führen |
| Fokus | Bedeutungen & Prozesse | Konzepte |
| Schwierigkeitsgrad | Experte | Anfänger & Experte |
| Vorteil | Flexibel | Klar strukturiert |
| Nachteil | Nachvollziehbarkeit ist schwieriger herzustellen | Ungeeignet für Prozessmodelle |
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